Ich habe ein Problem mit der Aussage, „dass hier in Deutschland niemand mehr Krieg kennt, ausser vielleicht Oma und Opa“

Gleich zu Beginn: Ich kenne Krieg tatsachlich nur aus dem Fernsehen, aus der Schule, von Erzählungen.

Dennoch hat es für mich einen komischen Beigeschmack, wenn jetzt in Interviewrunden immer wieder wiederholt wird, „dass hier in Deutschland niemand eigene Kriegserfahrungen hat, ausser vielleicht Oma und Opa“.

Denn hier in Deutschland leben Menschen die haben am eigenen Leib Kriegserfahrungen gesammelt. Zum Beispiel in:

  • Joguslawien
  • Kosovo
  • Armenien
  • Tschetschenien
  • Syrien
  • Afghanistan
  • Georgien
  • Ruanda
  • und diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen

Diese Menschen (und zu einem Großteil sind es deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger) sind teilweise aus diesen Ländern geflüchtet, eben um vor dem Krieg sicher zu sein. Oder sie kamen später hier an, aus anderen Gründen und mit anderen Zielen. Oder sie sind als Bundeswehrsoldaten, zivil Helfende, Journalistinnen und Journalisten oder aus vielen anderen Gründen in Ländern gewesen und haben Krieg erlebt.

Ja, es ist so, dass die meisten in Deutschland lebenden Menschen Krieg wie ich bisher nur aus Medien und indirekt kannten. Und wir alle sind geschockt, dass Putin mit seinem Einmarsch in die Ukraine den Krieg nach Europa gebracht hat.

Aber die Aussage „Hier in Deutschland herrschte die letzten Jahrzehnte Frieden und hier kennt niemand den Krieg aus eigener Erfahrung“ schließt die Menschen aus, die eben diese Kriegserfahrungen aus den beschriebenen Gründen haben. Nimmt man diese Worte ganz genau, dann offenbart diese stark vereinfachende Aussage ein Bild von „den Deutschen“, dass hierher migirierte und Eingebürgerte nicht zur Gesellschaft gehören.

Dabei sollten wir gerade jetzt auch auf die Bedürfnisse der Menschen achten, die vor Krieg geflohen sind, in ein scheinbar sicheres Gebiet. Und nun fallen Bomben auch in Europa, das Gefühl der Sicherheit schwindet auch hier.

Vergesst unsere Soldatinnen und Soldaten nicht

Viele Soldatinnen und Soldaten fühlen sich bereits jetzt am Rande der Gesellschaft, weil sie im Einsatz Verwundungen an Körper und oder Seele erlitten haben und vom Staat nur minimale Unterstützung erhalten. Nun gehören sie durch solche Worte „nicht dazu“.

Was soll dieser Beitrag?

Niemand soll sich verletzt fühlen, vielleicht sind die Menschen, die stark vereinfachende Aussagen treffen, etwas sensibler im Umgang mit ihren Worten. Denn die Vereinfachung, Reduzierung, schließt andere aus. Und das kann sich sehr schlecht anfühlen, nicht dazu zu gehören.

Und noch etwas zur Argumentation an sich

Die in Deutschland lebenden Menschen (mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft) mit Kriegserfahrung sind mindestens genauso geschockt wie die ohne diese Erfahrungen. Vielleicht sogar noch mehr – eben wegen ihrer Erlebnisse und Erfahfungen in den unterschiedlichsten Kriegs- und Konfliktgebieten dieser Welt.

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